(via wisskomm) Dass der Präsident eines Verbandes seine Mitglieder stärker erscheinen lassen will als sie sind, kann man vielleicht noch verstehen. Wenn aber Valdo Lehari jr im Namen der Europäischen Zeitungsverlegerverbandes (ENPA) eine rosige Zukunft herauf beschwört, lässt das auf eine gehörige Portion Realitätsverlust schließen. "Die Zukunft gedruckter Zeitungen? Sei noch lange gewährleistet", gibt der Tagesspiegel heute ein Gespräch Leharis mit der Nachrichtenagentur dpa wieder.
Mag sein, dass der ENPA-Präsident schlicht den Auflagentrend der letzen zehn Jahre nicht kennt. Wahrscheinlicher ist aber, dass er ihn kennt, denn er sagt auch, fast jeder zweite 14- bis 19-Jährige lese heute Zeitung. Das seien zwar nicht alles Abonnenten - "aber immerhin Leser".
Nach Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (ag.ma) sollen 2005 tatsächlich noch 49,3% der unter 20-Jährigen täglichen Kontakt zu Tageszeitungen gehabt haben. Im Jahr 2002 waren es noch 55,8%. Nur knapp ein Drittel der 14-29-Jährigen gaben 2005 an, dass es noch wichtig für sie sei, eine Tageszeitung zu lesen. 1989 waren immerhin noch 59% der jungen Altersgruppe dieser Meinung. Das ist ein schlechter Trend, wobei noch zu berücksichtigen ist, dass es sich bei der ag.ma um einen Lobbyverband der Medienindustrie handelt.
Unabhängige Medienwissenschaftler, beispielsweise Günther Rager von der Uni Dortmund, sehen die Lage kritischer: "Verschiedene regelmäßige Umfragen haben übereinstimmend ergeben, dass sich die Zahl der Jugendlichen - also der 14- bis 19-Jährigen -, die täglich Zeitung lesen, in den letzten zehn Jahren halbiert hat. Vor zehn Jahren las noch jeder zweite Jugendliche täglich die Zeitung, jetzt nur noch jeder vierte. Und fragt man die Jugendlichen, ob das Medium verzichtbar ist, sind die Ergebnisse noch verheerender." (Interview mit dem epd im Jahr 2004)
Mittlerweile versuchen die Verleger verzweifelt, schon im Kindergarten für das bedruckte Papier Interessenten zu finden. Der Verlegerverband BDZV dokumentierte jüngst, wie hilflos und erfolglos das abläuft: So bot etwa die "Frankfurter Rundschau" Eltern über den Kindergarten ein Vier-Wochen-Kurzabo an. 212 Haushalte mit Kindergartenkind nahmen das Angebot wahr, 19 "haltbare Abonnements" blieben letztlich übrig. Erfolg sieht anders aus.

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